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Was ist von der 68er Bewegung geblieben?

Gott will Hunger und Elend nicht zulassen

Protestantismus und 68er-Bewegung haben sich gegenseitig stark beeinflusst

Von Klaus Koch

Die Wirkungsgeschichte ist umstritten: Was ist geblieben von der 68er-Bewegung, diesen Unruhen vor 50 Jahren, die die Bonner Republik erschütterten? Glaubt man dem CSU-Politiker Alexander Dobrindt, ist es eine ganze Menge. Trotz geistig-moralischer Wende und jahrzehntelanger Regierungszeiten unter Führung von CDU/CSU sieht Dobrindt immer noch eine linke Meinungselite am Werk, die eine im Grunde bürgerliche Mehrheit in Deutschland beherrscht.

Für Dobrindt ist der Grund für diesen Widerspruch eben diese 68er-Bewegung, deren Ideen als geistige Verlängerung des Sozialismus bis heute Wirkung zeigten. Abhilfe schaffen könne da nur eine konservative Revolution als Reaktion auf die damalige Revolution der linken Eliten. Und der christsoziale Politiker nimmt gleich noch das Christentum mit in dieses revolutionäre Boot. Die Position einiger CDU-Politiker, die zwischen christlich und konservativ unterscheiden wollten, sei falsch: »Das Konservative und das Christliche sind keine Gegensätze, sondern bilden eine unauflösliche Einheit.« Diese Einheit gab es schon einmal. Die hohe Zeit des Christlich-Konservativen war die Ära Konrad Adenauers. In den 1950er und frühen 1960er Jahren waren über 90 Prozent der Deutschen Kirchenmitglieder, 50 Prozent der Katholiken besuchten den Gottesdienst. Die Volkskirchen definierten die gesellschaftlichen Normen in der Familienpolitik, bei den Rollenbildern von Mann und Frau, bei Sexualität, Erziehung und Bildung. Regelmäßig vor Wahlen verlasen die katholischen Hirten ihren Schäfchen einen Brief, in dem stand, wie sie zu wählen hatten: konservativ.

Doch in den 1960er Jahren begann es, im Wirtschaftswunderland zu brodeln. Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen, die Berliner Mauer zementierte die deutsche Teilung. Die Zeit des Nationalsozialismus wurde mehr verdrängt als aufgearbeitet, im Bundestag wurde gar darüber diskutiert, ob NS-Verbrechen nicht doch verjähren sollten; ehemalige NS-Gefolgsleute waren längst in die Bürokratie, in die Wirtschaft, die Politik sowie in die Schulen und Hochschulen zurückgekehrt.

Studentengemeinden als politisch und theologisch widerständige Orte

Besonders an den Universitäten artikulierte sich der Unmut. Studentenvertretungen kritisierten scharf die verkrusteten Strukturen. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg schwappten aus den USA an die deutschen Hochschulen über, eine breite Bewegung gegen die atomare Rüstung und gegen die von der ersten großen Koalition beschlossenen Notstandsgesetzgebung entstand. Einer der berühmtesten Sprüche, der die Kritik der Studenten an der undemokratischen Ordinarienuniversität auf den Punkt brachte, wurde am 9. November 1967 bei der Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg geboren. Zwei Jurastudenten trugen ein Transparent, hinter dem die in ihre Talare gewandeten Professoren herliefen, ohne zu wissen, dass darauf stand: »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren«.

Den 1000-jährigen Muff rochen die Studenten jedoch nicht nur in den Universitäten. Auch junge Theologinnen und Theologen begehrten gegen die Institution Kirche auf. Vor allem die evangelischen Studentengemeinden wurden zu politisch und theologisch widerständigen Orten. Der inzwischen gestorbene ehemalige hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker erinnerte sich, wie er mit Vertretern seiner Studentengemeinde ins Schwäbische gefahren ist, um den dortigen Pietisten die revolutionäre Kraft des Evangeliums nahezubringen. Allerdings verweigerte der Pfarrer den Studenten das Gemeindehaus; sie mussten die Revolution im Wirtshaus ausrufen.

Die spätere Frankfurter Pröpstin Helga Trösken berichtet, dass Theologiestudenten in Mainz bereits 1966 ihre Professoren mit »Sit-ins« für mehr Mitbestimmung auf die Palme brachten. Trösken war auch Mitglied der »Außersynodalen Opposition«, die bei hessen-nassauischen Synodal - tagungen Banner mit ihren Forderungen von der Besucherempore herunterließen. In der Pfalz kam es 1968 zu einer ernsthaften Auseinandersetzung zwischen jungen Theologen und der Kirchenleitung. Die angehenden Pfarrer wollten nicht ordiniert werden. Sie sahen in diesem Akt einen autoritären Zugriff der Institution, dem sie sich zunächst verweigerten. Eine besonders radikale Minderheit junger Theologen traf sich im Oktober 1968 zur ersten Celler Konferenz. Ihr Protest richtete sich explizit dagegen, dass die Kirche als Stabilitätsfaktor im Spätkapitalismus diene, erinnert sich Hans-Jürgen Benedict, damals wissenschaftlicher Assistent an der Theologischen Fakultät in Bochum, im Deutschlandfunk. Durch ihre Amtshandlungen, durch Tröstungen und Seelsorge decke die Kirche die Leiden der Menschen an den spätkapitalistischen Verhältnissen zu, postulierten die kritischen Theologen. Die Folgerung daraus war eine klare Absage an alle Rituale: »An der funktionellen Stabilisierung über Predigt, Seelsorge und Amtshandlung wollen wir uns nicht mehr beteiligen.«

So radikal sahen das sicher wenige. Doch die Vorstellung von einer Kirche, die sich aus der biblischen Botschaft heraus in der Nachfolge Jesu aktiv gegen Unterdrückung, Gewalt und Krieg engagiert, elektrisierte vor allem junge Theologen. Vielerorts forderten sie, in den Gottesdiensten darüber zu diskutieren. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs plante der Ökumenische Arbeitskreis Köln beim Essener Katholikentag 1968 einen solchen politischen Gottesdienst. Zu den Organisatoren zählten Dorothee Sölle, Fullbert Steffensky und Heinrich Böll. Den Veranstaltern war ein solcher Gottesdienst suspekt. Sie verschoben ihn auf 23 Uhr: Die Tradition des politischen Nachtgebets war geboren.

Politisches Nachtgebet mit Dorothee Sölles Glaubensbekenntnis

Vor allem der Name Dorothee Sölle ist mit diesen Nachtgebeten eng verbunden. Sie sprach bei der ersten Veranstaltung nach dem Kirchentag am 1. Oktober 1968 in der evangelischen Antoniterkirche in Köln vor über 1000 Zuhörern ein Glaubensbekenntnis, das mit den Worten begann: »Ich glaube an Gott, der diese Welt geschaffen hat, damit Glück und Frieden sich ausbreiten; der es nicht zulassen will, dass Menschen in Hunger und Elend bleiben und sich gegenseitig töten.« Sölle hatte klare Vorstellungen über die Liturgie der Nachtgebete. Zunächst gab es politische Informationen, die dann mit einem biblischen Text konfrontiert wurden. Danach folgte der Aufruf zur Aktion.

Die Germanistin und Theologin Sölle wurde zu einer weltweit verehrten Vertreterin der kritischen Theologie. Sie engagierte sich in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung. Vor allem ihre Arbeiten zur feministischen Theologie haben nachfolgende Theologinnengenerationen maßgeblich geprägt. Doch 1968 verbreitete Sölle nach Auffassung des rheinischen Präses Joachim Beckmann vor allem Irrlehren. Beckmann war es ein Dorn im Auge, dass die politischen Nachtgebete vom Presbyterium der Antoniterkirche erlaubt wurden. Öffentlich beglückwünschte er den Kölner Kardinal Joseph Frings, »dass er das Recht hat, so etwas in einer Kirche zu verbieten«.

Doch der Einfluss der Studentenbewegung auf die Kirchen, vor allem auf die protestantische, war keineswegs eine Einbahnstraße. Prominente Protestenten hatten immer Kontakt und Einfluss auf die  Bewegung, sogar bis tief hinein in die Zeit des Terrors der Roten Armee Fraktion. Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, stand in stetem Briefkontakt mit Ulrike Meinhof. Der Pfarrer und  Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, begleitete freigepresste Terroristen der Bewegung 2. Juni in den Jemen. Der Theologieprofessor Helmut Gollwitzer war mit Rudi Dutschke befreundet und nahm ihn  zeitweise bei sich auf. Und der ehemalige hessen-nassauische Kirchenpräsident Martin Niemöller schließlich überließ dem an den Folgen eines Attentats gestorbenen Rudi Dutschke sogar sein Grab in  Berlin-Dahlem. Zuvor hatte Dutschkes Frau Gretchen auf die Frage nach einer letzten Ruhestätte für den in Dänemark gestorbenen Studentenführer nur Absagen erhalten.

Studentenbewegung ohne Protestantismus nicht denkbar

In einem Interview mit »Zeit online« geht der Soziologe Wolfgang Kraushaar sogar so weit, zu sagen, dass die Studentenbewegung ohne den Protestantismus nicht denkbar sei. Er bezieht sich unter anderem darauf, dass der protestantisch sozialisierte Dutschke, wie seine Tagebücher zeigen, Christ  gewesen ist; auch wenn der messianisch auftretende Rebell dies öffentlich nie sagte. Als weiterer Beleg für seine These dient Kraushaar die Studentengruppe »Subversive Aktion«, der neben  Dutschke der Kommune-I-Mitbegründer Dieter Kunzelmann sowie Bernd Rabehl angehörten.

Die Gruppe entwarf tatsächlich ein »Eschatologisches Programm«, das die Vollendung des Einzelnen  und der ganzen Schöpfung zum Ziel hatte. Für den politischen Protestantismus sei die radikale Subjektivierung von Gewalt typisch, sagt Soziologe Kraushaar. Ulrike Meinhof habe auf die Bilder von der Bombardierung nordvietnamesischer Siedlungen mit den Worten reagiert: »Das können die mit mir nicht machen!«

Und Dutschke rief im Februar 1968 auf dem Internationalen Vietnamkongress vor Tausenden Zuhörern aus: »In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen.« Vielleicht ist es dieser schutzlose Bezug aller Ungerechtigkeiten dieser Welt auf sich selbst, der viele Kinder protestantischer Familien in den  späten 1960er Jahren zunehmend radikalisierte; bis hinein in die Terrorszene. Unter dem Schlachtruf  »Macht kaputt, was euch kaputt macht« verstanden sie Gewalt gegen Unterdrückung und Unterdrücker als Notwehr. Jenseits des menschenverachtenden Terrors sei der Einfluss der politischen 68er-Generation bis heute deutlich spürbar, sagt der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung. Seine Kirche habe nach 1968 noch stärker gesellschaftliche Fragen aufgenommen und Position bezogen – vor allem, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit, der Bewahrung der Schöpfung und des Friedens gehe. Deshalb stelle sie auch immer wieder die Frage nach der Menschenwürde und den Menschenrechten ins Zentrum. Als Beispiel nennt er strittige Fragen wie den Bau der Startbahn West, die Apartheid in Südafrika, die Aussöhnung mit dem Judentum oder die Segnung gleichgeschlechtlicher
Partnerschaften. So gesehen ist eine konservative Konterrevolution gegen die 68er-Ideen zumindest mit Jungs Kirche wohl eher nicht zu machen.

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