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Einfluss auf die Kirche

Zeit der Träume

Die 68er-Bewegung und ihr Einfluss auf die Kirche

Von Doris Stickler

Es waren bewegte Jahre in der Gesellschaft. Auch für die Kirche? Zwei Frankfurter Kirchenleute haben sich auf Spurensuche nach dem besonderen Geist jener Jahre in Deutschland gemacht.

Vor 50 Jahren machte sich eine Aufbruchstimmung breit, die wie ein Virus die Welt infiziert. Allerorten begehrten die Menschen auf, gingen etwa in den USA gegen den Vietnamkrieg, in Deutschland gegen die Notstandsgesetze oder in Tschechien gegen die Vormacht der Sowjetunion auf die Straße.

Wenn der Studienleiter für Religion und Politik an der Evangelischen Akademie, Eberhard Pausch, auf die Ballung umwälzender Ereignisse blickt, kommt er zu dem Schluss: »1968 war ein Jahr voller bunter Träume.« Manche hätten sich allerdings bald in Alpträume verwandelt.

So seien der Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King sowie der amerikanische Präsidentschaftskandidat Robert Kennedy ermordet und der »Prager Frühling« blutig niedergeschlagen worden, wurde das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke verübt, läutete die Rote Armee Fraktion (RAF) mit dem Frankfurter Kaufhausbrand den Beginn einer Gewaltspirale ein.

Zur Freude von Eberhard Pausch schafften im Laufe der Zeit manche Träume aber auch den Sprung in die Realität. Das Ende des Kalten Krieges und des Apartheidregimes in Südafrika gehören für ihn ebenso dazu wie die Rechte für Frauen und sexuelle Minderheiten oder die Wahl Barack Obamas als ersten Schwarzen zum Präsidenten der USA.

Dass er seinen Vortrag »Die 68er-Bewegung und ihr Einfluss auf Theologie und Kirche« in der Preungesheimer Festeburgkirche hielt, hat ebenfalls mit einem wahr gewordenen Traum zu tun. In dem ereignisreichen Jahr wurde der Grundstein für das Gotteshaus gelegt.

Demokratisierung der Synode

Anlässlich des 50. Jahrestags zeigte Pfarrer Pausch auf, welche tiefgreifenden Veränderungen der Geist jener Jahre in der Kirche hinterlassen hat. Ob Friedenstheologie, feministische Theologie, Befreiungstheologie oder Demokratisierung – für ihn sind es alles Kinder der 68er Bewegung.

Wie viele andere Protagonisten hätten Gestalten wie etwa Dorothee Sölle, die 1968 das »Politische Nachgebet« mit ins Leben rief, oder Jürgen Moltmann, der in seiner »Theologie der Hoffnung« das utopische Potenzial des Protestantismus ergründete, nicht gerade offene Türen eingerannt.

In den Kirchensynoden gab es Eberhard Pauschs Wissen nach im Gegenteil heftige Auseinandersetzungen. »Viele waren dagegen, die Befreiungsbewegungen oder den Kampf gegen die Apartheid zu unterstützen und stellten in Frage, dass Kirche und Demokratie vereinbar sind.« Selbst Martin Niemöller habe klipp und klar gesagt: »Kirche ist keine Demokratie.«

Das bestätigt Dore Struckmeier-Schubert, Mitglied der hessen-nassauischen Kirchenleitung. Wie sie erzählte, sei die Wintersynode 1968 von der Thematik Demokratie und Kirche geprägt gewesen, was auch eine Demokratisierung der Synode bedeutete. Auf genau dieser Tagung habe Martin Niemöller seinen Rückzug aus der Synode mit den Worten erklärt: »Entweder lernen Sie in ihrer Amtszeit hier als Kirche miteinander zu funktionieren oder Sie machen in Demokratie gleich Parlamentarismus ... Lassen Sie das ja um Himmels Willen nicht in unserer Kirche einreißen!«

Neue Wege in der Jugendarbeit

Auf die Umbrüche, die die 68er-Bewegung hervorgerufen hat, ging die Prädikantin der Festeburggemeinde auch in ihrer Predigt des Gottesdienstes ein, der dem Vortrag vorangegangen war. Wegweisende Veränderungen hätten sich unter anderem in der Ökumene Bahn gebrochen. »Besonders an der Basis, wo wie in Frankfurt schon damals einzelne katholische und evangelische Gemeinden gemeinsam Abendmahl feierten.«

In der Jugendarbeit habe man ebenfalls neue Wege eingeschlagen. »Jugendliche wollten und mussten anders und neu angesprochen werden, auch musikalisch.« Als Beispiel führte die Historikerin die »legendären ›Huthparktreffen‹« des damaligen Stadtjugendpfarrers Dieter Trautwein an, bei denen viele der »Neuen Lieder« mit Combo und Schlagzeug erprobt worden seien.

»Insgesamt wurden damals alte Wahrheiten in Frage gestellt, wurde vieles neu gedacht und eine realistischere und weniger pathetische Sprache gefunden«, bilanzierte Dore Struckmeier-Schubert und bekannte: »Ohne Dorothee Sölles Buch ›Atheistisch an Gott glauben‹ wäre ich an der Sache mit Gott wahrscheinlich nicht drangeblieben.«

Auch die Pfarrerin der Festeburggemeinde Helga Weber ist sich ziemlich sicher, dass sie »ohne die 68er-Bewegung heute keine Pfarrerin« wäre. Da ihre Eltern beide in der Diakonie gearbeitet hätten, seien bei ihr zu Hause »fortschrittliche Leute ein und aus gegangen«. So habe sie trotz der eher konservativen Ausrichtung der evangelischen Kirche in Baden-Württemberg der »freiheitliche Aufbruchsgeist jener Jahre« geprägt.

Es war eine besondere Zeit und sie hat Spuren hinterlassen: Der Einfluss der 68er Bewegung auf die Kirche war groß. Dore Struckmeier-Schubert (links) und Eberhard Pausch erinnern sich an viele Anekdoten, die dies belegen.

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