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Die quasireligiöse Rolle des Rudi D.

Die quasireligiöse Rolle des Rudi D.

Der protestantische Einfluss auf die 68er war nach den Worten des Politologen Wolfgang Kraushaar enorm

Von Armin Thomas

Protestantismus und Protest gehören eng zusammen, das verrät schon der identische Wortstamm. Vor 50 Jahren zeigte sich das besonders deutlich.

Erstaunlich viele Studenten der 68er-Generation stammten aus protestantischen Elternhäusern. Allen voran der Wortführer Rudi Dutschke. Die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) in Mainz hat diesem Phänomen eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel »Freigeist« gewidmet. In der ESG-Kirche beleuchtete der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar die Verschränkung von Studentenbewegung und Protestantismus.

Kraushaar ist beileibe kein Unbekannter, was dieses Thema betrifft. Er ist einer der führenden Spezialisten für diese Fragen. Sein besonderes Augenmerk richtete er auf die Person Rudi Dutschkes.

Schon als Konfirmand habe der 1940 im brandenburgischen Luckenwalde geborene junge Rudi große Reden geschwungen. Der christliche Glaube war fest in der Familie verankert. Auch als Wortführer der 68er-Bewegung hat sich Dutschke stets zu seinem christlichen Glauben bekannt, erläuterte Kraushaar, ein renommierter Chronist der Studentenbewegung und Experte der RAF. Kraushaar, Jahrgang 1948, hat diese Zeit zunächst als Schüler im nordhessischen Fritzlar und nach dem Abitur als Student in Frankfurt miterlebt.

Tillich und Niemöller als Alternativen für Studenten

Im Mai 1968 nahm Kraushaar als Abiturient an einem Sternmarsch nach Bonn teil. Es war einer der größten Kundgebungen der Außerparlamentarischen Opposition (APO). In Bonn regierte die Große Koalition mit dem Kanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU), dem Außenminister Willy Brandt (SPD) und dem Finanzminister Franz-Josef Strauß (CSU).

Die linken Studenten fühlten sich in dieser Konstellation von der SPD verraten und suchten alternative politische Wege. Und sie fanden sie in den Schriften der zeitgenössischen marxistischen Autoren um Herbert Marcuse ebenso wie in der freiheitlich-protestantischen Tradition eines Paul Tillich oder Martin Niemöller. Hinzu kamen die von ihnen in der BRD geforderte öffentliche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie ihre Proteste gegen den Vietnamkrieg.

Dutschke notierte an Ostern 1963 in seinen Tagebüchern: »Jesus ist auferstanden, Freude und Dankbarkeit sind die Begleiter dieses Tags; die Revolution, die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist geschehen, die Revolution der Welt durch die alles überwindende Liebe. Nähmen die Menschen voll die offenbarte Liebe im Für-sich-Sein an, die Wirklichkeit des Jetzt, die Logik des Wahnsinns könnte nicht mehr weiterbestehen.« Dutschke war sich laut Kraushaar seiner quasi-religiösen Rolle durchaus im Klaren und suchte deshalb absichtlich Kirchenkanzeln auf, um seinen politischen Forderungen einen »quasi-religiösen Anstrich zu verleihen«.

Zu seinem zweiten Idol erkor Dutschke den 1928 in Argentinien geborenen Ernesto Guevara de la Serna, genannt »Che«. Auch den Guerillero habe eine »quasi-religiöse Aura« umgeben, erläuterte Kraushaar: »Im Gegensatz zum gewaltlosen Jesus ließ er aber keinerlei Zweifel daran, wie gewalttätig seine Vision von Befreiung und Erlösung hätte ausfallen sollen.«

Dutschke vertritt seine Positionen mit Empathie

Mit welcher Empathie Dutschke seine Positionen vertrat, wurde deutlich unter anderem auf dem Internationalen Vietnam-Kongress im Februar 1968 in West-Berlin. Dort rief er: »Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen. Es hängt primär von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird.«

Dutschke wurde bei einem Attentat am 11. April 1968 vor einer Apotheke am Kurfürstendamm schwer verletzt. Er starb an den Spätfolgen des Attentats an Heiligabend 1979 in Aarhus, Dänemark. Der Theologieprofessor Helmut Gollwitzer hielt am 3. Januar 1980 die Beerdigungsrede für Rudi Dutschke auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem. Darin sagte er: »Für ihn (Rudi Dutschke) galt, was Che Guevara in dem Abschiedsbrief an seine Eltern von sich sagt: Er war ›einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheiten zu beweisen‹. Sein Mut kam aus seiner Selbstlosigkeit und seine Selbstlosigkeit daraus, dass er es gut meinte mit den Menschen – in der Tat ein Nachfolger dessen, der es gut meint mit den Menschen.«

Gollwitzer stellte damit Dutschke offenbar in eine Reihe mit Che Guevara und Jesus – was eine Zuhörerin in der ESG-Kirche »sehr befremdlich« fand. Es war eben eine andere Zeit, damals, vor 50 Jahren.

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