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68er Bewegung im Odenwald

Der Rote Freddy, neue Freiheit und das Fanal von Höchst

Wie vor 50 Jahren im Odenwald rebelliert wurde: Auf den Spuren der 68er-Bewegung

Zeitenwende? Ja. Krawalle? Nein. Auf diese Formel lassen sich die aufwühlenden Jahre um 1968 im Odenwald bringen. Verglichen mit den mit Ausschreitungen verbundenen Großkundgebungen in Frankfurt und anderen Städten, ging es im Kreis Erbach (wie der Odenwaldkreis damals hieß) vor 50 Jahren eher beschaulich zu. Die Revolutionsmusik der Studenten erklang woanders. Ihren Auftakt hatte sie am 30. Mai 1964 aber nirgendwo anders als in Höchst i. Odw. – einem Ort, der mit seinem Kloster auch sonst eine bedeutende Rolle für die 68er-Bewegung spielen sollte. Doch dazu später.

Sucht man im Odenwald nach Spuren jener Bewegung, wird man zunächst an zwei Stellen fündig: im Gymnasium Michelstadt und bei der Jugendorganisation der SPD, den Jungsozialisten (Jusos).

Da war zum Beispiel Wolfgang Friedrich vom Abitur-Jahrgang 1968 – Spitzname „Roter Freddy“, wie sich Ilse König, eine Mitschülerin aus der Parallelklasse, erinnert. In seiner Rede bei der Entlassungsfeier im Gymnasium war er hart mit der Schulleitung ins Gericht gegangen und hatte ihren Führungsstil kritisiert, den demokratisch gesinnte Schüler nicht hinnehmen könnten. Die Schüler wollten „begründete Autorität“, die sich nicht hinter Erlassen verschanze, sondern auf permanenter Leistung basiere. Die Rede hatte für enormes Aufsehen gesorgt, wie die Bemerkung seines Mitschülers Heinz Kumpf zeigt: „Mir kommt es im Rückblick so vor, als sei diese Rede das einzige ,revolutionäre‘ Ereignis im Kreis Erbach gewesen.“ Eine Replik von Direktor Gerhard Reichhelm gab es nicht, wie die Tageszeitung festhält. Er blieb im Allgemeinen. Wie schon 1967, als er den Schulabgängern laut Zeitungsbericht sagte: Die spannungsgeladene und verworrene Gesamtsituation der Gegenwart mache es unmöglich, große Wünsche für die Zukunft zu finden. Matte Worte, aber immerhin war der Direktor auf die Zeitläufte eingegangen, die sein Gymnasium erfasst hatten – offensichtlich mehr als ihm lieb war.

„Der Schulhof war voll.“

Angesichts der Umwälzungen sei der Direktor letztlich hilflos gewesen, meint Horst Anthoni, damals einer der jungen Lehrer am Gymnasium. „Es brodelte alles.“ Zur Gruppe der jungen Lehrer gehörten auch Nikolaus Kelbert und Ernst Ruppert, der später selbst Schulleiter wurde. Alle drei wissen von intensiven Diskussionen unter und mit ihren Schülern zu berichten. Sei es während einer Klassenfahrt nach Frankfurt zur Aufführung eines Stücks von Bertolt Brecht, die wegen eines Studentenprotestes unterbrochen werden musste, wie Ruppert erzählt. Sei es in der Schule selbst: „Es gab heiße Debatten, zum Teil auf einem hohen Niveau. Das hat mir gefallen“, so Ruppert.

Themen gab es genug: Ilse König ist zum Beispiel noch eine große Schüler-Demonstration gegen die Ende Mai 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze in Erinnerung: „Der Schulhof war voll.“ Auch im Lehrerzimmer gab es Diskussionen. „Wobei die älteren Kollegen uns Jüngeren mit einem gewissen Misstrauen begegneten“, wie Kelbert schildert. „Nicht zuletzt wegen der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, die damals massiv eingefordert wurde.“ Nicht nur er hatte von der NS-Vergangenheit mancher Kollegen gehört. „Auch wir Schüler haben darüber gesprochen“, sagt Heinz Kumpf.

Kelbert – Lehrer für Englisch und Französisch – zeigte damals ein besonderes Engagement und fuhr mit jeder seiner elften und zwölften Klassen zum Auschwitz-Prozess nach Frankfurt. Dort wurden von 1963 bis 1968 etliche ehemalige SS-Angehörige verurteilt. „Das war für die Schüler ein eindrucksvolles Erlebnis und für mich erst recht“, so Kelbert.  Manfred Ertl, Abiturjahrgang 1966, weiß noch gut, wie sehr ihn diese Fahrt geprägt hat. Aber nicht nur das: „Durch den Auschwitz-Prozess hat das Nachdenken über das, was passiert ist, einen großen Schub bekommen. Das war für die gesamte 68er-Bewegung sehr wichtig.“

Aber auch schulintern hatte die Zeit viel in Bewegung gesetzt, nicht zuletzt den Wunsch nach mehr Mitbestimmung. Landrat Gustav Hoffmann (SPD) sprach darüber im Mai 1968 mit dem Kreisschülerrat und kritisierte die Leitung des Gymnasiums dafür, die Mitverantwortung von Schülern zu behindern. Das Kreisjugendamt hingegen trage zur politischen Bildung bei.

Als freier Mitarbeiter der Kreisjugendpflege widmete sich damals unter anderem Horst Schnur der Fortentwicklung der Jugendarbeit. Er war nach seinem Lehramtsstudium in Frankfurt 1965 für die zweite Ausbildungsphase nach Rai-Breitenbach gekommen. Damals hatte er im Odenwald ehrenamtlich schon viele internationale Jugendbegegnungen initiiert. Seinerzeit habe man europäische Friedensgedanken in die Kommunalpolitik eingebracht, die im Kreis zu vielen Städtepartnerschaften geführt hätten, schildert Schnur. „So wurde eine Verbindung mit der Kriegsgeneration und ihrer Friedenssehnsucht aufgebaut.“ 1966 fand er seine politische Heimat in der SPD, wurde ein Jahr später Juso-Vorsitzender. 1968 kam er in den Kreistag. Er sollte die Kreispolitik prägen, vor allem zwischen 1986 und 2009 als Erster Kreisbeigeordneter und Landrat.

„Der Geist des Aufbruchs und der Bewusstseinsveränderung war in den späten sechziger Jahren allenthalben zu spüren“, sagt Schnur. Wie tief sie persönlich ging, macht Günter Verst deutlich, der damals Studienreferendar in Darmstadt und Dieburg war. Mit Schnur gehörte er zu den Begründern der Jusos und war später, von 1984 bis 2008, Bürgermeister von Breuberg: „Die 68er-Bewegung hat mir eine innere Freiheit geschenkt, die bis heute geblieben ist.“ Die großen Demonstrationen in den Städten sahen die beiden Männer skeptisch. „Wir wollten das statische Denken jener Zeit aufbrechen, aber auf der Straße fallen keine Entscheidungen“, so Verst, der Schnur 1972 in den Kreistag folgte. „Wir haben institutionell gedacht, wollten strukturell etwas verändern“, so Schnur.

Was nicht heißen soll, dass ihm Kundgebungen unwichtig gewesen wären. Schnur hielt seinen Genossen im Juso-Mitgliederblatt vom 1. Juni 1968 eine Standpauke: „Es scheint, dass die Jugend in der SPD ebenfalls so schläft wie unsere alten Parteigenossen.“ Nur sechs von 400 Jusos im Kreis Erbach seien wenige Tage zuvor zu einem innerparteilichen Treffen gegen Bundestagsabgeordnete, die für die Notstandsgesetze stimmen wollten, nach Frankfurt mitgefahren, schimpft Schnur „mit den besten Wünschen für einen geruhsamen Parteischlaf und ein böses Erwachen“.

„Springer-Presse“ in der Verantwortung

Deutliche Worte fanden die Jusos aber nicht nur innerhalb ihrer Reihen. So lehnt Schnur in der Juso-Zeitschrift vom 20. April 1968 die gewalttätigen Ausschreitungen ab, die es nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke gab, sieht aber auch die „Springer-Presse“ in der Verantwortung, deren „rechtsgerichtete, verzerrte Berichterstattungskampagne“ zu dem Anschlag geführt habe. Der Juso-Kreisvorstand forderte eine „breite Diskussion auch im Bundestag über die Anliegen der außerparlamentarischen Opposition“, kurz APO.

Als deren Kern galt der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Von „Hauruck-Revoluzzern“ in dessen Reihen hielt Schnur jedoch schon damals wenig. „Die Ho-Chi-Minh-Läufer waren mir alle zu einseitig.“ Der Name des vietnamesischen Revolutionärs und Politikers war eine der Demonstrationsparolen. Die Odenwälder Jusos setzten einen Kontrapunkt und sammelten Geld für ein im Vietnamkrieg verletztes Mädchen, das in der Taunusklinik Falkenstein behandelt wurde und eine Beinprothese brauchte.

„Im Odenwald war die 68er-Bewegung insgesamt konstruktiver und konkreter als in den Städten, mit dem Sinn für die Stärkung demokratischer Prozesse, für Neuerungen im Bildungswesen, in der Jugend- und Sozialhilfe sowie der Infrastrukturplanung, aber nicht ideologisch revolutionär“, resümiert Schnur.

Die Ironie der Geschichte

Gerade im Odenwald wurden die Weichen für die Formierung des linken Studentenprotestes gestellt. Denn am 30. Mai 1964 schlossen vier Studentenverbände, darunter der SDS, in Höchst ein Bündnis, das nach Einschätzung des Hessischen Landesamts  für geschichtliche Landeskunde für die Herausbildung der Außerparlamentarischen Opposition und der späteren 68er-Bewegung „eine wichtige Rolle“ spielte. Aller Wahrscheinlichkeit nach fand das Treffen im Evangelischen Jugendzentrum Kloster Höchst statt, das 1962 eröffnet worden war. 

Dafür spricht, dass der SDS Mitte Dezember 1964 ein hochschulpolitisches Seminar im Kloster Höchst veranstaltet hatte und er sich dort auch noch 1968 mehrere Male traf. „Hier konnte man einfach ruhiger diskutieren als in Frankfurt“, sagt der SDS-Vorsitzende von 1967/1968, der Frankfurter Verleger KD Wolff. Ähnlich drückt es Wilhelm Gänssle aus, der in Breuberg lebt: „In der guten Arbeitsatmosphäre konnte einiges abgeklärt werden.“ Er war 1968 ins Leitungsteam des Jugendzentrums gekommen. In seinen Augen war es nicht weniger als ein „Kristallisationspunkt der 68er-Bewegung“.

Auch innerkirchlich schlug das Jugendzentrum hohe Wellen, wie Konflikte mit der Evangelischen Kirchengemeinde Höchst zeigen. Pfarrer Ernst Hammer zeigte sich 1975 jedenfalls erleichtert darüber, dass dort keine „Sozialrevolutionäre“ mehr seien. Die bleibende Bedeutung des Jugendzentrums kann für Gänssle aber nicht hoch genug eingeschätzt werden, etwa als „Impulsgeber für die Friedensbewegung in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“.

Sage noch einer, im Odenwald werde keine Geschichte geschrieben.

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